Im Dienstleistungssektor dürfte sich die Stimmung bald wieder aufhellen

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Zwar haben Gewerkschaften und Arbeitgeber in verschiedenen Bereichen, wie im öffentlichen Dienst und bei der Deutschen Bahn, größere Lohnerhöhungen vereinbart, jedoch haben diese Erhöhungen die Arbeitnehmerinnen noch nicht überall erreicht. Abgesehen von Teilen der Sonderzahlungen wie der Inflationsausgleichsprämie haben die meisten Arbeitnehmerinnen bisher keine spürbaren Verbesserungen in ihren Einkommen gesehen. Es ist anzunehmen, dass viele Haushalte die Sonderzahlungen vorerst gespart haben, da die Sparquote in letzter Zeit deutlich angestiegen ist. Die Inflation bleibt hartnäckig und wird voraussichtlich im Jahresdurchschnitt 2023 bei 6,1 Prozent liegen. Zusätzlich gibt es politische Unsicherheiten, wie die Verzögerungen im Zusammenhang mit dem Gebäudeenergiegesetz, die die Kaufbereitschaft von Haushalten und Unternehmen beeinträchtigen.

In Bezug auf die Unternehmen herrscht besonders im Verarbeitenden Gewerbe aufgrund der vorübergehend schwachen Auslandsnachfrage eine negative Stimmung. In letzter Zeit haben sich auch die Aussichten im Dienstleistungssektor getrübt, sowohl im unternehmensnahen Dienstleistungsbereich, der Transport und Logistik einschließt, aufgrund der derzeitigen Schwäche der deutschen Industrie, als auch im konsumnahen Dienstleistungsbereich, da selbst mit Lohnsteigerungen und Sonderzahlungen Menschen mit geringem Einkommen sich derzeit kaum einen Restaurant- oder Hotelbesuch leisten können. Laut dem neuen DIW-Prognosemodell zur Arbeitseinkommensverteilung könnte die Einkommensungleichheit in Deutschland aktuell höher sein als im Vorjahr.

Die DIW-Konjunkturprognose sieht eine beginnende Erholung ab der zweiten Jahreshälfte vor. Bis zum Ende des Jahres wird die deutsche Wirtschaft allmählich wieder an Fahrt gewinnen. Wenn die Löhne und Gehälter Anfang nächsten Jahres spürbar steigen und die Inflation abnimmt, werden vor allem private Haushalte wieder mehr ausgeben. Bis zum Ende des kommenden Jahres wird die Inflation voraussichtlich wieder nahe dem Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von etwa zwei Prozent liegen. Der Arbeitsmarkt bleibt weiterhin stabil. Die Investitionsdynamik wird jedoch im kommenden Jahr abnehmen, da die öffentlichen Investitionen aufgrund einer restriktiven Finanzpolitik die Flaute in der Industrie nicht mehr ausgleichen können. Die Unternehmen dürften im Laufe des Jahres zögerlicher sein und auf eine Zinssenkung der EZB spekulieren, sobald die Inflation unter Kontrolle ist.

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Weltweit hat die Weltwirtschaft im zweiten Quartal nicht an Fahrt aufgenommen, wobei das Wachstum mit 0,7 Prozent geringer war als im vorherigen Quartal. Besonders die chinesische Wirtschaft hat mit Problemen in der Binnennachfrage und dem strauchelnden Immobiliensektor zu kämpfen. Japan und die USA haben hingegen besser abgeschnitten als erwartet. Insgesamt wird das weltwirtschaftliche Wachstum im Jahresdurchschnitt der DIW-Prognose zufolge bei 3,9 Prozent liegen. Auch für das Jahr 2024 wird ein ähnliches Wachstum erwartet. Rückläufige Inflation und Programme wie der Inflation Reduction Act in den USA werden zusammen mit einem stärkeren privaten Verbrauch aufgrund abnehmender Preissteigerungen die Weltwirtschaft unterstützen. Ein breiter und kräftiger Aufschwung ist jedoch nicht in Sicht, und die globale Produktion wird nur allmählich an Fahrt gewinnen.

Marcel Fratzscher, Präsident des DIW, betont, dass die Finanzpolitik in Deutschland im Gegensatz zu den USA kaum zur wirtschaftlichen Dynamik beiträgt. Angesichts der aktuellen Krise sei die Einhaltung der Schuldenbremse im Jahr 2024 nicht gerechtfertigt und könnte dazu führen, dass wichtige Investitionen und Entlastungen für Bürger*innen und Unternehmen ausbleiben. Fratzscher fordert die Bundesregierung auf, ihre Prioritäten zu überdenken und ein kluges Transformationsprogramm umzusetzen, das Angebot und Nachfrage stärkt, Bürokratie und Regulierung abbaut, in Infrastruktur, Bildung und Forschung investiert und auf sozialen Ausgleich achtet. Er warnt vor wirtschaftlichen Sorgen und Ängsten, die zu einer Abwärtsspirale führen könnten, und betont die Notwendigkeit einer klaren wirtschaftspolitischen Agenda und Kommunikation, die Vertrauen schafft anstatt Ängste zu schüren.

 

Basierend auf einer Pressemitteilung von Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung e.V. (DIW Berlin)